Mit Care Sharing den Pflege-Kollaps verhindern (I)

Unsere Sozialsysteme beruhen in ihrem Kern auf Solidarität und Vertrauen innerhalb der Bürgerschaft. Dort werden keine freien Güter getauscht, sondern es handelt sich vielmehr um eine Art Genossenschaft, deren Bestand davon abhängt, ob das Geben und Nehmen innerhalb der Bürgerschaft vertrauenswürdig und nachhaltig organisiert wird. Nachhaltig deshalb, weil die meisten sozialen Leistungen generationenübergreifend sind und daher lange Bestand haben müssen. Geraten diese komplexe Leistungsabsprachen aus der Balance, z.B. weil die Zahl der Leistungsempfänger überhand nimmt, läuft das Gemeinwesen Gefahr, übernutzt zu werden. Wenn heute drei Erwerbsfähige einen Rentner zu finanzieren haben und im Jahre 2050 weniger als zwei, dann bekommt man eine Vorstellung von den verschobenen Dimensionen des Sozialsystems.

Die demografische Entwicklung zerstört diese Balance unwiderruflich und die Fähigkeit des Staates nimmt erkennbar ab, diese Probleme zu übertünchen.

Viel mehr Hochaltrige

Nicht nur, dass der Anteil der über 60-Jährigen den der unter 20-Jährigen übersteigt – es nimmt auch der Anteil der Hochaltrigen rapide zu: Während zwischen 1953 und 2000 der Anteil der 60-Jährigen und älter um 77,8 % gestiegen ist, nahmen die Hochaltrigen (über 80-Jährige) um sage und schreibe 274,6 % zu—und dieser Trend setzt sich unvermindert fort. Es liegt auf der Hand, dass all dies schwerwiegende Auswirkungen insbesondere für die Alterssicherung, den Gesundheitsbereich und die Pflege hat.

Während die Personalknappheit im offiziellen Pflegesystem längst in aller Munde ist und hörbar beklagt wird, ist es in den Familien bisher verdächtig still geblieben. Das ist verwunderlich, denn dort braut sich etwas zusammen, was alles andere in den Schatten stellen könnte.

Die „größte Pflegestelle der Nation“

Die Bedeutung der Familien als „größte Pflegestelle der Nation“ wird schnell deutlich, wenn man sich die offiziellen Pflegestatistiken anschaut: So werden von den 2,6 Mio. Pflegebedürftigen mehr als zwei Drittel zuhause versorgt. Berücksichtigt man die etwa 3 Mio. Hilfebedürftige, die in keinen Pflegegrad eingestuft wurden, ergibt sich ein noch realistischeres Bild: Danach liegt bei etwa 75 % der Pflege– und Hilfsbedürftigen die alleinige Last bei den pflegenden Angehörigen.

Die Familien spüren die Folgen der Demografie besonders schmerzlich, weil sie ihr Helferpotential kaum mehr ersetzen können. Zudem haben immer mehr Menschen niemanden in ihrem Umfeld mehr, der sie im Alter versorgen kann. Dies ist ein völlig neues gesellschaftliches Phänomen.

Baby-Boomer Symboljahr

Am besten wird das Pflegedilemma an der Generation der „Baby-Boomer“ verdeutlicht. Diese ab Mitte der 50er Jahre geborene geburtenstarke Nachkriegsgeneration pflegt im Augenblick (verkürzt gesagt) die ausgedünnte Kriegsgeneration. Sie hat es aber versäumt, für genügend Nachkommen zu sorgen. 2030 gilt als Symboljahr für dieses Dilemma, weil dann der geburtenstärkste Jahrgang der Baby-Boomer in Rente geht.  Dieser Jahrgang wandelt sich ab 2030 nach und nach vom Helfer zum Hilfsbedürftigen.

Standen also bis dahin verhältnismäßig viele Helfer zur Verfügung, kippt dieses Verhältnis nun vollends und wird zum eigentlichen Pflege-Dilemma, das alles vorherige in den Schatten stellen wird.

Es ist schwer zu begreifen, warum ein Land, das sich ein eigenes Familienministerium hält, es nicht schafft, die Angehörigenpflege als eigenständige Gruppe wahrzunehmen und wirksam zu unterstützen. Die Angehörigenpflege hat keine Lobby.

Der Pflege-Eisberg

Man kommt dem Dilemma ziemlich nahe, wenn man die Pflege mit einem Eisberg vergleicht.

Sichtbar an der Oberfläche agiert die offizielle Pflege mit ihren Einrichtungen, angestellten Pflegekräften, berufsakademischen Bildungseinrichtungen – und der Politik. Alle meinen immer nur den sichtbaren Teil des Eisbergs, wenn sie von Pflege sprechen.

Unterhalb der Wasseroberfläche, allen Blicken entzogen und weitgehend vergessen vom öffentlichen Raum, versorgen die Familien ihre Angehörigen. Man redet über sie, aber nicht mit ihnen. Oberhalb der Wasseroberfläche ersinnen sich Staat und Wohlfahrt neue Entlastungsangebote, ohne die Betroffenen aus der „Unterwelt“ zu konsultieren. Man existiert einfach in zwei voneinander abgeschotteten Lebenswelten, aber es ist nicht zu übersehen: „Die da oben“ halten sich für den Eisberg selbst, während der Großteil der Arbeit weit außerhalb ihres Blickfeldes geleistet wird.

Der 348 Seiten umfassende letzte Altenbericht widmet der Angehörigenpflege gerade mal 2 nichtssagende Seiten. Die Vernachlässigung durch die Pflegepolitik ist ein kaum erklärbares Phänomen. Hier scheint so etwas wie eine eisige Entfremdung zwischen öffentlichem und privatem Raum zu existieren, die fast mit Händen zu greifen ist.

Obwohl es der öffentlichen Wahrnehmung zu widersprechen scheint: Der Eisberg ist eine ziemlich präzise Metapher der bundesdeutschen Pflegerealitäten und viele Widersprüche und Absurditäten der Pflegepolitik finden in diesem Bild ihre Auflösung.

Probleme nicht einfach aussitzen

Man mag sich fragen, warum die Gesellschaft ihre Probleme in der Pflege nicht löst. Das Problem ist ja einfach zu beschreiben: Die Anzahl der Hilfebedürftigen wird immer größer und die der Helfer immer kleiner. Es liegt daher auf der Hand, das Helferpotenzial zu erweitern. Je mehr Menschen für die Pflege gewonnen werden können, desto eher können wir unsere Probleme lösen.
Die Politik versucht seit Jahren, „Freiwilligencorps“ aufzubauen und die Gesellschaft zu solidarischer Unterstützung anzuhalten. Aber was in Sportvereinen funktionieren mag, versagt in der Pflege völlig. Gerade mal 2% der Freiwilligen sind dort aktiv, wie der neue Altenpflegebericht einräumen muss.

Wir müssen aufhören, uns etwas vorzumachen: Jeder, der seine fünf Sinne beieinander hat, macht um die Pflege einen großen Bogen. Sie gehört zu den am meisten tabuisieren Tätigkeiten überhaupt. Ausscheidungen, Krankheit, Siechtum oder Tod—das sind nun wirklich keine Themen, die uns magisch anziehen.

Seien wir ehrlich: Gepflegt wird nicht, weil es Spaß macht oder Erfüllung bringt, sondern weil es einfach getan werden muss. Weil wir das unseren Angehörigen oder Freunden schuldig sind.
Moralischer Druck funktioniert zwar nach wie vor, aber seine Reichweite ist eben auf Nahestehende begrenzt.

Wir müssen akzeptieren, dass wir so den Durchschnittsbürger, den wir dringend für die Pflege benötigen, nicht erreichen können. Wie aber soll man Außenstehende dazu bringen, etwas zu tun, was ihnen von Grund auf widerstrebt? Das ist die entscheidende Frage, die gelöst werden muss.

Der Care Sharing Ansatz besteht in einer nüchternen Analyse des Sachverhalts: Zwischen den Menschen und der Pflegetätigkeit existieren unsichtbare Hürden, die überwunden werden müssen. Wir alle haben tief in uns verankerte Hemmungen, uns mit Siechtum und Sterben zu befassen. Es kostet uns unendlich viel Überwindung und Mühe, die wir nur für Nahestehende aufbringen.

Ökonomen würden sagen: Die Transaktionskosten in der Pflege sind zu hoch. Um die Aktivitäten dort zu erhöhen, müssen viele Hürden abgebaut werden. Alles andere wäre vergebliche Liebesmüh‘. Der wichtigste Care Sharing Ansatz ist daher die transaktionskostensenkende Plattform.

Ende Teil I – hier geht’s weiter

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